Dialog aus dem Glauben

ŠARČEVIĆ, Ivan: Dijalog iz vjere, Zagreb 2021,  327 Seiten. ISBN 978-953-11-1312-0

Das Buch Dijalog iz vjere (dt. Dialog aus dem Glauben) von Franziskanerpater Ivan Šarčević, Professor für Pastoraltheologie an der Franziskanischen Theologischen Hochschule in Sarajevo, gehört zu den ersten Publikationen zum Dialog im kroatischsprachigen Raum. Veröffentlicht wurde es von Kršćanska sadašnjost in Zagreb. Der Verlag wurde 1968 von Kardinal Franjo Šeper ins Leben gerufen, um  die Ziele und Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils besser verstehen zu lernen. Es war und ist nicht einfach, sich im Balkan für den Dialog einzusetzen, da das 21. Jahrhundert zwar Frieden und Wohlstand versprochen hatte, doch die Realität vieler ganz anders ist. Nationalismus und Populismus, religiöser Fundamentalismus und Extremismus sowie Ideologien, die Intoleranz und Exklusivität „predigen“, erleben in den letzten Jahren Aufschwung. Die genannten Gefahren sind vor allem im gesellschaftlich-politischen sowie dem kulturellen Kontext der ehemaligen Jugoslawienstaaten sichtlich spürbar, wo Vertretende der verschiedenen Nationen und Religionen noch immer mit der Vergangenheit sowie den Traumata des vergangenen Krieges (1991-1995) und den damit verbundenen Ungerechtigkeiten belastet sind. Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob und wie gläubige Menschen mit gutem Beispiel voran gehen und zeigen können, dass Frieden und Zusammenleben zwischen den Menschen und Kulturen nicht nur möglich, sondern wie Begegnung und Dialog notwendig ist.

Dem Thema des Dialogs widmet sich Dijalog iz vjere. Das Buch ist eine Kompilation aus neun Artikeln und Vorträgen, die in verschiedenen theologischen Zeitschriften und Publikationen in Kroatien sowie in Bosnien und Herzegowina zwischen 2003 und 2019 veröffentlicht worden sind. Alle Artikel thematisieren den Dialog und heben seine Bedeutung und die unvermeidliche Rolle in allen Lebensprozessen hervor, besonders aber im religiösen Bereich. Deswegen wundert es nicht, dass im Vorwort von Stipo Kljajić (S. 5-12), Dozent am Lehrstuhl für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Zagreb und an der Franziskanischen Hochschule für Theologie in Sarajevo, die Rede von einem vademecum ist, eine Art „Handbuch“ wie man dialogisieren lernt. Mitunter ist es wichtig zu begreifen, dass der Dialog sowohl eine menschliche Notwendigkeit als auch eine im religiösen Sinn darstellt. „Es gibt keinen erlernten, gemeisterten Dialog, viel mehr muss man das Dialogisieren ein ganzes Leben lang lernen – das betont der Autor immer wieder,“[1] schreibt Kljajić in seinem Vorwort. (S.11). Neben dieser Betonung fundiert Šarčević seine Artikel, laut Kljajić, auf dem Evangelium sowie dem Leben und Handeln Jesu, „in dem sich der barmherzige Gott in einen neuen, bis dahin unbegreiflichen Dialog mit der Welt eingelassen hat.“ (ebd.) Neben dem Evangelium, welches hier eine herausgehobene Stellung einnimmt, bezieht sich Šarčević unter anderem auf kirchliche Dokumente, vor allem die des Zweiten Vatikanums und auf „die leuchtenden und verbindlichen Beispiele aus der franziskanischen und kirchlichen, bosnischen und weltlichen Geschichte“ (ebd.).

Das Buch ist eine Textsammlung, weswegen es keine konkrete Aufteilung bzw. Struktur gibt. Dennoch lässt es sich unter drei Aspekten lesen und mit drei Begriffen zusammenfassen, wie auch Tomislav Kovač, Dozent am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Zagreb, in seinem Nachwort (S. 305-325) schreibt: erstens den theologischen Dialog bzw. die theologische Fundierung des Dialogs, zweitens den Dialog aus pastoraler Sicht oder anders formuliert: Dialog als Sendung der Kirche und drittens den gesellschaftlich-politischen Dialog, indem Glaube und Dialog direkte Implikationen im Leben von Menschen und Kulturen haben. Šarčević verbindet, wie schon der kurze und suggestive Titel des Buches sagt, Glaube und Dialog. Die theologische Fundierung sieht er vor allem in der Offenbarung, in der Gott durch sein Wort in Beziehung mit den Menschen tritt. In Hinblick auf die drei monotheistischen Religionen zeige sich, dass der Glaube in seiner Natur dialogisch sei: er ist Antwort auf das Wort Gottes (Offenbarung), eine Antwort mit Verantwortung gegenüber Gott und den (Mit)menschen, denn Gott ist, wenn er denn der Schöpfer aller Menschen ist, ein Gott aller Menschen, einschließlich derer, die nicht an ihn glauben. Mit anderen Worten, Gott verpflichtet das Gewissen des Glaubenden, dem oder der Anderen zu begegnen, um gemeinsam zu sprechen und zusammenzuarbeiten, damit ein friedliches und vor allem gerechtes Leben geführt werden kann. Šarčević nennt diese Art von Dialog „Verantwortung im Glauben“ (S. 45) und ruft immer wieder in Erinnerung, dass „für Glaubende dies ein Anspruch ist, der aus dem Glauben selbst kommt, der primären Beziehung zu Gott“ (S. 51).  Diese Verantwortung sieht Šarčević nicht nur im christlichen Glauben verankert, sondern in allen Religionen, Nationen und Kulturen, wobei er dies mit Blick auf den eigenen Kontext von Bosnien und Herzegowina tut. Bosnien und Herzegowina ist der locus theologicus von Šarčević, mit seiner gesamten Komplexität der ethno-konfessionellen Beziehungen, der Traumata des vergangenen Krieges sowie den politischen und nationalen Spaltungen und Spannungen, gefolgt von institutionellen Absurditäten, unendlichen Frustrationen und einer Perspektivlosigkeit, die dazu führt, dass vor allem junge Menschen das Land verlassen. Eine gängige Meinung auf dem Balkan, die auch von Expertinnen und Experten geteilt wird, ist die, dass der Krieg in diesem Land eigentlich nie aufgehört hat, woraufhin Šarčević einen Schritt weiter geht und von einer „ethnischen Säuberung“ mit „friedlichen Mitteln“ (S. 166) spricht. Bosnien und Herzegowina ist auf diese Weise ein paradoxes Land: in ihr verflechten sich verschiedene Kulturen, Konfessionen und Religionen (katholisches und orthodoxes Christentum sowie der Islam – meist sind die Bosniaken hanafitische Sunniten, eine Minderheit gehört zu den Schiiten) die in Vergangenheit, allerdings auch in Gegenwart, in Konflikt standen. Einerseits gastfreundlich, andererseits tragisch; warmherzig aber dann doch kalt, gezeichnet von Wut, Bewunderung und Bitterkeit. Šarčević stellt in diesem Kontext an vielen Stellen im Buch die Frage, wie sich Glaubende und ihre Gemeinden in diesem Chaos positioniert haben; einerseits während des Krieges und andererseits in der Gegenwart. Was haben sie zu den Prozessen von Versöhnung und Zusammenleben beigetragen? Diese Frage ist unumgänglich, da Religionen in Bosnien und Herzegowina sehr einflussreich sind, auch wenn sich das Land als säkular deklariert. Dass Säkularität nur dem Wort nach existiert, zeigt sich z.B. daran, dass die jeweilige Nation der Religion gleichgestellt wird: eine Serbin könne nur orthodox sein, ein Kroate nur Katholik, ein Bosniake nur Muslim. Aber weil der Glaube eine transzendentale und universale Kategorie ist, lässt er sich nicht in Definitionen, Kategorien oder Nationen einspannen. In Bosnien und Herzegowina, warnt Šarčević, gleiche der religiös motivierte Nationalismus, der alles verabsolutiert und sakralisiert, was mit der eigenen Nation zu tun hat, einer Idolatrie und dem Heidentum, was ein radikales Gegenteil vom biblischen und auch dem koranischen Gottesverständnis darstelle (vgl. S. 21, 223, 227, 238).

Šarčević, ein Intellektueller, der aktiv am öffentlichen Diskurs teilnimmt, polemisiert dabei keineswegs. Er setzt sich für eine Gleichberechtigung der drei Entitäten in Bosnien und Herzegowina ein und kritisiert die Politik der Spaltung, die oftmals mit Religion und Nationalismus in Verbindung gebracht wird. Für seine Ansichten und Kritiken wird er von Vertretenden seiner eigenen Entität kritisiert, ebenso von einzelnen Mitbrüdern des franziskanischen Ordens. Seine Ansicht ist allerdings klar: es gibt kein Zusammenleben und keine Zukunft ohne Dialog, ohne den gegenseitigen Respekt und Freiheit, und ohne Vergebung, besonders in Gesellschaften, die noch von Konflikten gezeichnet sind. In seinem Artikel, „Pluralismus und Universalität von Leid“ (S. 51-87) konstatiert Šarčević, dass auch das bisschen Gemeinschaft, das vom Krieg übriggeblieben ist, in eine Art Defensive gedrängt wurde, während Befürwortende des Dialogs und Zusammenlebens ausgelacht oder ausgeschlossen würden, vor allem von der jeweils eigenen Entität. „In Bosnien und Herzegowina wurde alles versucht, außer der friedliche und ernsthafte Dialog, das Achten der Rechte und Freiheit des anderen.“ (S. 67). Andererseits sieht Šarčević den Dialog und friedliches Zusammenleben als möglich an, vor allem in seinem Artikel „Theologiegeschichtliche Fundierung des interreligiösen Dialogs der bosnischen Franziskaner“ (S. 249-303). In diesem Artikel zeigt Šarćević die verschiedenen Paradigmen des Dialogs auf, von der Heiligen Schrift bis zur heutigen Zeit, mit einem besonderen Blick auf den Beitrag der bosnischen Franziskaner zur Erhaltung der katholischen und auch kroatischen Identität im bosnisch-herzegowinischen Raum. Im Hintergrund steht die friedvolle Begegnung zwischen Franziskus von Assisi und dem ägyptischen Sultan Malik al-Kāmil in Damietta (1219) während des fünften Kreuzzugs, die Šarčević mit einem weiteren Beispiel aus dem Jahr 1463 aktualisiert, wenn er von der Begegnung des Franziskaners Anđeo Zvizdović mit Sultan Mehmed II., Ebū ʾl-Fetḥ, postum Fātiḥ genannt, spricht. Gerade diese Begegnung in der Nähe von Fojnica habe den Katholiken die Ahdnama [2]gebracht, das Recht, den katholischen Glauben in Bosnien und Herzegowina zu bekennen. Weiterhin nennt er in dem genannten Artikel den kulturellen Beitrag des Franziskaners Matija Divković im osmanischen Bosnien im 17. Jahrhundert sowie die Begegnung der franziskanischen Delegation um Jozo Markušić mit Josip Broz Tito 1949 in Belgrad, um für die bürgerlichen, religiösen und nationalen Rechte der Kroaten in Bosnien und Herzegowina zu werben. Diese Begegnungen, die Šarčević in seinem Artikel beschreibt, zeigen wie wichtig Begegnung und Dialog und das Erinnern für das weitere Zusammenleben sind.

Das Besondere an Šarčević’s Buch ist der andere Blick auf Bosnien und Herzegowina und die regionalen Herausforderungen in Verbindung mit dem (interreligiösen) Dialog, denn der Lesende erfährt die Besonderheit der kroatischen Minderheit in Bosnien und Herzegowina, die eine eigene Geschichte und Kultur sowie eine eigene Identität besitzen, die sich nicht auf die allgemein kroatische Situation und Geschichte reduzieren lässt. Kroatinnen und Kroaten in Bosnien und Herzegowina sind keine kroatische Diaspora oder „Kolonie“, sondern eine konstitutive Entität, die ein Recht auf Anerkennung der eigenen Partikularität hat. Allein für diese Erkenntnis hätte sich auch die Lektüre dieses anregenden Bandes gelohnt.

Diese Buchrezension ist erscheinen in: CIBEDO-Beiträge 2/2022.


[1] Die Zitate wurde allesamt vom Autoren der Rezension für die Buchbesprechung ins Deutsche übersetzt.

[2] Die Ahdnama ist die magna charta liberatis des 15. – 17. Jahrhunderts im katholischen Christentum in den kroatisch-sprachigen Ländern, die unter die osmanische Herrschaft fielen. Der Franziskaner Anđelko Barun zitierte in seinem Buch zwei Franziskaner, Ignatius Gavran und Dominik Mandić, dass die Ahdnama „die wichtigste Charta für das Leben der Franziskaner und Katholiken in Bosnien und Herzegowina während der osmanischen Zeit“ war. Bojić, Drago: „Milodraška ahdnama“, in: Svjetlo riječi, Nr. 351, Juni 2012, S. 30.