Mario Trifunovic

Was ist guter Journalismus?

Als ich vor zwei Jahren anfing, für das kroatische Abendblatt Večernji List zu schreiben, ist mir etwas bewusst geworden, was meiner Ansicht nach fundamental für den Journalismus sein sollte: Verantwortung. Auch wenn ich vorher schon für kleinere Internetportale gearbeitet hatte, wurde mir mit dem ersten Artikel für das Internetportal des Abendblatts so richtig klar, was für eine große Verantwortung nun auf meinen Schultern lastete. Das Internetportal des Abendblatts verzeichnete allein im vergangenen Januar 1.406,515 unique visitors, das ist beileibe keine kleine Zahl, im Gegenteil.

Erschienen im GEORG 1/2017

Ich möchte damit natürlich nicht sagen, dass man bei kleineren Portalen weniger Verantwortung hat, aber dennoch stand ich vor einer bis dahin ungekannten Menge von Lesern – darunter Prominente, Politiker Journalisten und viele mehr. Diese Aufgabe war anders. Sie war größer, gewaltiger, und es ging dann doch ernster als bei kleineren Projekten zu, die man mit Freunden ins Leben gerufen hatte. Die Anspannung wurde größer, die Recherchearbeit noch intensiver. Alles wurde doppelt überprüft und Polemik gezielt ausgelassen. Was blieb? Die Suche nach dem “guten Journalismus”.

Guter Journalismus fängt für mich immer mit dem Bewusstsein für Verantwortung an. Mit Verantwortung meine ich zuerst die sachgerechte Darstellung der Fakten, ganz besonders in unserer digitalen Zeit, in der man leider zu oft auf Schnelligkeit als auf den Wahrheitsgehalt setzt. Zu Verantwortung gehört aber auch das Wahrnehmen des Lesers. Schließlich schreibt man nicht ins Leere, sondern „steht“ mit dem jeweiligen Text anderen Menschen gegenüber. Es kommt zu einer Begegnung zwischen Journalist und Leser, die im idealen Fall dem Leser, auch bei unterschiedlicher Sichtweise, das Gefühl gibt, mit Respekt behandelt worden zu sein. Wie aber gehe ich mit den Lesern um? Informiere ich sie mit Halbwahrheiten? Habe ich auch wirklich alles gründlich recherchiert? Können Leser meine Glaubwürdigkeit erkennen und somit Vertrauen aufbauen, oder möchte ich ihnen nur meine Meinung aufdrängen? Bin ich fair und unabhängig oder erzähle ich Geschichten, von denen ich selbst nicht überzeugt bin?

Gerade in einer Zeit von minutenaktuellen Medien ist es von enormer Wichtigkeit, exakt, ausgewogen und wahrhaftig zu berichten – oder wie es der YouTube Star Casey Neistat kurz und knapp sagen würde: keep it real. Auch Rudolf Augstein bringt es auf den Punkt: “Sagen, was ist.” Ein bekanntes deutsches Magazin hatte früher als Leitspruch “Schneller wissen, was wichtig ist”. Das gilt heute nicht mehr für ein Magazin, denn schnelle Informationen gibt es im Internet wirklich überall. Leider sind sie oft nur teilweise richtig oder ganz falsch, oder wenn es ganz schlimm kommt, gezielt verfälscht (Fake News), was bei Wahlen die Meinungsbildung erheblich beeinflussen kann.

Ein guter Journalismus darf aber auch kritisch sein, nur sollte er nie die Fairness gegenüber anderen vergessen. In Kroatien beispielsweise haben wir das Problem, dass in den Medien zu oft polemische Kommentare ohne fundierte Argumentation publiziert werden, die Andersdenkende eher an den Pranger stellen, als dass sie sich kritisch mit einem Thema befassen. Ich bin jemand, der kein Problem in der argumentativen und sachlichen Kritik sieht, eher im Gegenteil, weil ich selbst am meisten davon profitieren kann. Aber sie wird zum Problem, wenn man sich nur halbherzig mit Fakten beschäftigt und den Menschen auf der anderen Seite, sprich den Leser, nicht ernst nimmt und letztendlich nur in den polemischen Boxring locken will, wo Fäuste der Respektlosigkeit und des Unwissens fliegen.

Genau hier kommt die Kirche ins Spiel, die ein Teil der Gesellschaft ist und somit verstärkt in den Medien wirken sollte, vor allem weil sie etwas zu sagen hat. Aus dem “Studienprogramm Medien” werden hierfür in Zukunft Journalisten kommen, die ermutigt und befähigt sind, sich einzubringen in Debatten, aber auch um die Medienlandschaft mitzugestalten.

 

Veröffentlicht im GEORG 1/2017, dem Magazin der Hochschule Sankt Georgen. Link zum Magazin, hier.

Foto: Stocksnap

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